Eva Fraedrich
5. Februar 2026
Mobilität: Autonomie, Integration und das Ende der Pilotphase
Eva Fraedrich ist seit kurzem bei Ramboll Management Consulting tätig und verstärkt unser Fachwissen an der Schnittstelle zwischen New Mobility, öffentlichem Verkehr und Mobilitätswandel. Wir sprechen mit ihr über die globale Mobilität im Jahr 2026 und darüber, welche Chancen sich für Städte in den nächsten fünf Jahren ergeben könnten.

Mit dem Beginn des Jahres 2026 steht der globale Mobilitätssektor vor einer entscheidenden Phase: Nicht mehr das Ob, sondern das Wie der Integration prägt die Debatte. Neue Mobilitätsformen müssen sich im Zusammenspiel mit bestehender Infrastruktur, Regulierung und Alltagsmobilität bewähren. Von On-Demand-Angeboten über vernetzte Mobilitätsplattformen bis hin zu ersten skalierenden Anwendungen des autonomen Fahrens verschiebt sich der Fokus von der Erprobung hin zur systemischen Einbindung. Nur wenige haben diesen Wandel so umfassend begleitet wie Eva Fraedrich. Ihre Arbeit verbindet Forschung, Politikberatung und praktische Umsetzung entlang des gesamten Mobilitätsökosystems.
Das Jahr 2026 markiert den Übergang vieler Innovationen aus Testfeldern in den Regelbetrieb. Was unterscheidet die Mobilitätslandschaft aus Ihrer Sicht heute wirklich von der Situation vor drei oder vier Jahren?
Was sich heute wirklich anders anfühlt, ist, dass sich die Debatte von der Frage, ob neue Mobilitätslösungen eine Rolle spielen, zu der Frage verlagert hat, wie sie verantwortungsvoll integriert werden können.
Während die vergangenen Jahre von Pilotprojekten und einer hohen Fehlertoleranz geprägt waren, dominieren nun Anforderungen an Skalierbarkeit, Verlässlichkeit und Wirkung. Budgets stehen stärker unter Druck, zugleich steigen die Erwartungen an messbaren Nutzen. Die Entscheidungsträger stellen nun frühzeitig Fragen zu Betriebsmodellen, langfristiger Finanzierung und Governance.
Dieser Wandel hat die Integration der neuen Mobilität zum zentralen Thema gemacht. Es geht darum, wo neuen Angebote der Mobilität einen echten Mehrwert bringt, wo der traditionelle, leistungsfähige öffentliche Verkehr das Rückgrat bildet und wie beide zu einem nahtlos funktionierenden System verschmelzen.
Sie haben sich von der Wissenschaft über die Politikberatung bis hin zur praktischen Umsetzung mit der neuen Mobilität beschäftigt. Wo sehen Sie derzeit die größte Lücke zwischen dem, was die Technologie möglich macht, und dem, was die Städte tatsächlich leisten können?
Die größte Lücke ist nicht technologischer, sondern organisatorischer und institutioneller Natur.
Viele Städte kämpfen mit fragmentierten Zuständigkeiten, Beschaffungsrahmen, die nicht für flexible oder digitale Dienstleistungen ausgelegt sind, und einem Mangel an operativer Klarheit, sobald die Projekte über die Pilotphase hinausgehen. Hinzu kommt die Herausforderung stabiler Finanzierungsmodelle, die über Förderzyklen hinaus tragfähig sind.
Auch auf Nutzerebene entscheidet Integration über Erfolg oder Misserfolg. Neue Angebote setzen sich nur dann durch, wenn sie sich reibungslos in Routinen und bestehende Wegeketten einfügen, verlässlich funktionieren und greifbare Vorteile gegenüber etablierten Optionen bieten.
"Die Menschen lehnen neue Technologien nicht ab, weil sie neu sind; sie lehnen Dienste ab, die nicht in ihren Alltag passen oder keinen zuverlässigen Nutzen bringen."
Autonomes Fahren wird seit Jahren als unmittelbar bevorstehend beschrieben. Wie sieht ein sinnvoller Fortschritt beim autonomen Fahren im Jahr 2026 aus, und wo müssen die Erwartungen Ihrer Meinung nach noch realistischer werden?
Heute hängt der Fortschritt beim autonomen Fahren weniger von der Technologie ab als von der Frage, in welchen Kontexten Automatisierung tatsächlich Mehrwert schafft. Autonomes Fahren ist keine universelle Lösung, sondern besteht aus spezifischen Anwendungen, die in bestehende Verkehrssysteme eingebettet werden.
Die drängenderen Herausforderungen liegen auf der betrieblichen, organisatorischen, rechtlichen und regulatorischen Ebene. Nur wenn diese Rahmenbedingungen klar definiert sind, können autonome Fahrzeuge zuverlässig und nutzerfreundlich eingesetzt werden.
Interessant! Die öffentliche Akzeptanz war bisher ein zentrales Thema in Ihrer Forschung. Ist es immer noch relevant?
Akzeptanz ist ein Thema, das in den letzten Jahren viel Aufmerksamkeit erhalten hat. Es ist nach wie vor wichtig, wird aber oft missverstanden. Die Menschen lehnen neue Technologien nicht ab, weil sie neu sind; sie lehnen Dienste ab, die nicht in ihren Alltag passen oder keinen zuverlässigen Nutzen bringen.
Denken Sie daran, wie sich der öffentliche Verkehr verändert. Viele Menschen sind an feste Routen, Haltestellen und Fahrpläne gewöhnt. Die Mobilität von morgen wird flexiblere Verhaltensweisen erfordern, wie etwa die Buchung einer Fahrt über eine App, die gezielte Anforderung eines Shuttles oder das Teilen eines Fahrzeugs mit anderen Passagieren.
Akzeptanz bedeutet daher in erster Linie Verhaltensänderung und einen umfassenderen Wandel innerhalb der Mobilitätssysteme. Sie hängt auch eng mit Nachhaltigkeit zusammen: Trotz schwankender Klimadebatten bleibt die Reduzierung der Abhängigkeit vom privaten Auto entscheidend. Nicht nur aus ökologischen Gründen, sondern auch wegen der wirtschaftlichen und sozialen Kosten des motorisierten Individualverkehrs.
Lassen Sie uns fünf Jahre in die Zukunft blicken! Welche neuen Chancen könnten sich für Städte und Verkehrsunternehmen eröffnen, wenn der Mobilitätswandel strategisch und integriert angegangen wird?
Wenn Städte und Verkehrsunternehmen von kleineren, isolierten Diensten zu integrierten, groß angelegten Angeboten übergehen, liegt die größte Chance in der Optimierung auf Systemebene. Anstatt sich auf einzelne Technologien oder Dienstleistungen zu konzentrieren, verlagert sich der Schwerpunkt darauf, wie das gesamte Mobilitätssystem funktioniert, wie die verschiedenen Verkehrsträger einander ergänzen und wie Ressourcen effizienter genutzt werden können.
In fünf Jahren könnten neue Mobilitätsdienste weitgehend in die öffentlichen Verkehrsnetze integriert sein und ein normaler Bestandteil des Alltags werden. Heute experimentieren viele Städte noch mit begrenzten autonomen Shuttles oder On-Demand-Angeboten in einzelnen Quartieren. Zukünftig könnten diese Lösungen skalierbar, nahtlos und nutzerorientiert sein.
Um dies zu erreichen, sind organisatorische, betriebliche und rechtliche Anpassungen nötig. Verkehrsunternehmen müssen klären, welche Dienste intern betrieben und welche extern vergeben werden. Themen wie Dateneigentum, Flottenmanagement, Depots und Systemintegration gewinnen an Bedeutung. Gleichzeitig müssen rechtliche und politische Rahmenbedingungen flexibler gestaltet werden, um hybride Modelle und neue öffentlich-private Partnerschaften zu ermöglichen.
Für Städte und Regionen, die diesen Wandel aktiv gestalten, eröffnen sich die nächsten fünf Jahre die Chancen, über punktuelle Verbesserungen hinauszugehen. Ziel ist ein Mobilitätssystem, das widerstandsfähiger, effizienter und stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen der Menschen ausgerichtet ist.
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