Oliver Neve, Lora Brill, Dale Tromans, Jukka Lahdensivu
4. Dezember 2025
Entwurfsstandards: Das trojanische Pferd der Klimaresilienz
Der Klimawandel ist längst keine Zukunftsfrage mehr – er ist Realität, mit der wir lernen müssen zu leben. Während die globalen Temperaturen weiter steigen, verschiebt sich die zentrale Frage von „Ob?“ zu „Wie?“: Wie passen wir uns an, wie halten wir stand und wie bewältigen wir die bevorstehenden Herausforderungen erfolgreich?
Einige Auswirkungen des Klimawandels sind heute bereits unvermeidbar. UN-Generalsekretär António Guterres hat eingeräumt, dass es nun „unausweichlich“ ist, das im Pariser Klimaabkommen vereinbarte Ziel zu überschreiten. Auch der Klimaausschuss des Vereinigten Königreichs empfiehlt der Regierung, sich auf einen globalen Temperaturanstieg von bis zu 2 °C bis 2050 vorzubereiten.1
Damit verschiebt sich die zentrale Frage: Weg von der alleinigen Klimaminderung, hin zu der Frage, wie wir mit den Veränderungen umgehen, die bereits stattfinden und sich beschleunigen. Dieser Artikel behandelt nicht die laufenden Bemühungen zur Begrenzung des Klimawandels – ein weiterhin entscheidendes Ziel der Menschheit – sondern fokussiert darauf, wie wir den Klimawandel ertragen und die bevorstehenden Herausforderungen meistern können.
Wir alle kennen die Geschichte vom trojanischen Pferd: den griechischen Mythos von einem scheinbar harmlosen Holzpferd, das genutzt wurde, um die Stadt Troja zu infiltrieren und letztlich zu zerstören. Die Trojaner nahmen das Pferd wohlwollend auf, rollten es innerhalb der Stadtmauern – und unterschätzten die darin verborgene Gefahr. In unserer Branche passiert Ähnliches mit Entwurfsstandards. Wir nehmen sie an, geben ihnen einen Ehrenplatz und gehen davon aus, dass Resilienz automatisch berücksichtigt ist. Doch das „Pferd“ birgt Überraschungen: starre Annahmen, träge Aktualisierungszyklen, fragmentierte Gefahrenbewertungen und die Gewohnheit, zusammengesetzte Risiken zu glätten. Wer die Paneele nicht abnimmt und hineinschaut, riskiert, die Fehler von morgen schon heute zu bauen.
In diesem Artikel beleuchten wir die versteckten Risiken in aktuellen Standards und zeigen, wie wir stattdessen wirkungsvolle, klimaresiliente Lösungen entwickeln können.
Versteckt sich ein trojanisches Pferd in den heutigen Standards?

Eine Fallstudie: Finnland
In Finnland ist die durchschnittliche Jahrestemperatur seit Anfang des 20. Jahrhunderts um rund 2 °C gestiegen – etwa doppelt so schnell wie der globale Durchschnitt. Im Einklang mit den EU-Taxonomiekriterien führten wir daher eine Klimavulnerabilitäts-Risikobewertung für 54 Gebäude durch, die in den letzten fünf Jahren fertiggestellt wurden. Die untersuchten Gebäude entsprechen aktuellen Standards und umfassen überwiegend Wohngebäude, Hotels, Bürogebäude, Schulen und Kindergärten.
Trotz ihres jungen Alters zeigten die bewerteten Gebäude bereits mehrere physische Risiken – sowohl im gegenwärtigen Klima als auch unter zukünftigen Klimaprojektionen (RCP8.5 20502). Viele dieser Risiken hätten während der Planungs- und Bauphase gemindert werden können, wenn die Standards die wissenschaftlich fundierten, vorhergesagten Temperaturanstiege berücksichtigt hätten.
Die bedeutendsten Risiken für Neubauten betreffen thermische Belastungen und Hitzewellen, die die Innentemperaturen deutlich erhöhen können. Zudem stellt windgetriebener Regen ein erhebliches Risiko für Außenwände, Dächer und Dachterrassen der meisten bewerteten Gebäude dar. Zahlreiche verwendete Strukturen und Details waren in Bezug auf bauphysikalische Leistung unzureichend, sodass Wassereintritt möglich war, ohne dass ausreichende Trocknungskapazität vorhanden war.
[2] RCP = Representative Concentration Pathways, 8.5 Szenario = der höchste Anstieg der Emissionen, 2050 = das Jahr, für das das Klima projiziert wurde. Diese basieren auf CMIP5-Modelldaten, während neuere SSPS5-8.5 (SSP = Shared Socioeconomic Pathways) auf CMIP6 basieren. Für den Zweck dieser Fallstudie wurden RCPs verwendet. Dies liegt daran, dass die Berechnungen des Finnischen Meteorologischen Instituts für windgetriebenen Regen und die Regenmenge auf dem älteren Modell basierten.

Klimarisiken erkennen – So nutzen wir Zukunftsszenarien
Zukunftsprognosen zum Klima zu erstellen, ist eine komplexe Aufgabe. Klimamodelle hängen von zahlreichen Faktoren ab – darunter sozioökonomische Entwicklungen, technologische Fortschritte, politische Entscheidungen und Landnutzung. Um die Bandbreite möglicher Zukunftsszenarien besser zu verstehen, greifen Klimapraktiker auf vom IPCC entwickelte Modelle zurück. Diese sogenannten Shared Socioeconomic Pathways (SSPs) werden üblicherweise wie folgt zusammengefasst:
- SSP1-1.9 (Nachhaltigkeit): Sehr niedrige Emissionen; entspricht nahezu einer 1,5 °C-Welt bis 2100.
- SSP1-2.6 (Nachhaltigkeit): Niedrige Emissionen; globaler Temperaturanstieg von etwa 2 °C bis 2100.
- SSP2-4.5 (Mittelweg): Intermediärer Pfad; Emissionen erreichen ein Plateau und sinken danach, aber nicht auf Netto-Null bis 2100.
- SSP3-7.0 (Regionale Rivalität): Mittel-hohe Emissionen; fragmentierter geopolitischer Fortschritt.
- SSP5-8.5 (Fossile Entwicklung): Hohe Emissionen durch intensive Nutzung fossiler Brennstoffe.
Angesichts dieser Bandbreite sollten Standards und Vorschriften klar Bezug auf unterschiedliche Szenarien, Zeithorizonte und die Lebensdauer von Anlagen nehmen. Da viele plausible Zukunftsszenarien existieren, prüfen Praktiker die Leistungsfähigkeit von Bauwerken und Systemen über mehrere Szenarien und Zeiträume hinweg.
Die „trojanischen Pferd“-Probleme in heutigen Standards
Entwurfsstandards sollen Menschen und Infrastruktur schützen. In einem sich schnell verändernden Klima können jedoch einige der in heutigen Standards verankerten Annahmen zu blinden Flecken werden.
1. Historische Daten dominieren die Standards
Viele Entwurfsmaßnahmen basieren auf vergangenen Beobachtungen, unter der Annahme, dass sich klimatische Bedingungen wiederholen (Stationarität). In einem nicht-stationären Klima verschieben sich jedoch die Wiederkehrperioden für Extremereignisse.
2. Verzögerte Aktualisierung im Vergleich zu beschleunigten Klimarisiken
Standardgremien überarbeiten Vorgaben regelmäßig – der Zyklus kann jedoch Jahre dauern. Klimarisiken entwickeln sich häufig schneller als diese Aktualisierungen.
3. Projektionen sind oft nicht granular genug
Planung erfordert lokale, anlagenrelevante Klimadaten. Viele bestehende Projektionen bleiben räumlich und zeitlich zu grob.
4. Auswahl und Kombination von Szenarien (Rosinen-Picking)
Eine häufige Falle besteht darin, aggressive Klimaszenarien mit kurzfristigen Zeithorizonten zu kombinieren. Langlebige Anlagen sollten stattdessen für mindestens eine 2 °C-konforme Welt bis 2050 ausgelegt werden.

5. Fragmentierte Behandlung zusammengesetzter und kaskadierender Risiken
Standards neigen dazu, Gefahren isoliert zu betrachten: Wind hier, Schnee dort, Hitze woanders. Tatsächliche Ausfälle entstehen jedoch oft durch kombinierte Treiber und kaskadierende Effekte. Multi-Gefahren-Tests über zukünftige Klimaszenarien werden in den Standards nur selten verlangt.
Warum der traditionelle Ansatz nicht mehr funktioniert
In einem sich schnell verändernden Klima lösen sich langjährige Annahmen auf. Historische Wiederkehrperioden spiegeln nicht mehr die Häufigkeit oder Intensität zukünftiger Gefahren wider. Anlagen, die 50 bis 100 Jahre bestehen sollen, werden am Ende ihres Lebens unter Bedingungen stehen, die heute noch unbekannt sind. Das alte Modell – Entwurf basierend auf dem gestrigen Klima – ist daher nicht mehr angemessen.
Wie ein besserer Ansatz aussieht
Eine widerstandsfähigere Entwurfskultur ist möglich – sie erfordert jedoch, dass zukünftige Klimabedingungen direkt in Standards und Planungsprozesse integriert werden.
1. Zukünftiges Klima in Standards verankern
Mehrere SSPs, unterschiedliche Zeithorizonte und lokale Leitlinien sollten genutzt werden, abgestimmt auf die Lebensdauer der jeweiligen Anlage.
2. Zu leistungs- und resilienzbasiertem Design wechseln
Statt rein auf historische Bedingungen zu bauen, sollten Servicelevel und Überlebensfähigkeit definiert werden, die sicherstellen, dass eine Anlage zukünftige Extremereignisse übersteht.
3. Granularität und Nachvollziehbarkeit erhöhen
Regional herunterskalierte Datensätze ermöglichen es, Klimaprojektionen in ingenieurrelevante Variablen zu übersetzen und Entscheidungen nachvollziehbar zu dokumentieren.
4. Auswahl einzelner Szenarien vermeiden
Langlebige Anlagen sollten mindestens für eine 2 °C-konforme Welt bis 2050 ausgelegt werden, ergänzt durch Stresstests für höhere Erwärmungspfade.
Ein praktischerer Weg nach vorn
Für Projektteams lässt sich der Wandel zu klimaresilientem Entwerfen in klare Schritte übersetzen:
- Anlagenlebensdauer und Kritikalität festlegen
- Mindestens zwei SSPs und mehrere Zeithorizonte auswählen, um die gesamte Lebensdauer der Anlage abzudecken
- Lokale Granularität stärken durch auf die Anlage und ihren Standort zugeschnittene Klimavulnerabitäts-Risikobewertungen
- Kaskadierende und zusammengesetzte Ereignisse testen
- Klimazuschläge integrieren und Maßnahmen mit geringem Bedauern identifizieren
- Entscheidungen dokumentieren, damit künftige Eigentümer und Betreiber die getroffenen Anpassungen nachvollziehen und intelligent weiterentwickeln können
Fazit
Wir wissen mit Sicherheit: Die kommenden Jahre werden mehr Überschwemmungen, Hitzewellen, Waldbrände und Notsituationen bringen. Entwurfsstandards, die auf historischen Komfortwerten beruhen, können in einem sich wandelnden Klima wie ein trojanisches Pferd wirken – scheinbar sicher, während sie zukünftige Verwundbarkeiten verbergen. Indem wir jedoch zukünftige Klimaintelligenz in das Design integrieren, leistungsbasierte Resilienz annehmen und Anpassungen über die Zeit planen, lässt sich dieses „trojanische Pferd“ in ein widerstandsfähiges Gefäß für Weitblick verwandeln – eine Grundlage für nachhaltige, klimaresiliente Infrastruktur.
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